Wie dir Probleme helfen können


Veranstaltungsbericht „Das Vermächtnis der Leidenschaft für Pferde“ mit Alfonso und Arien Aguilar am 15.4.17 in Escheburg

Über 150 Besucher waren am Samstag östlich von Hamburg zusammen gekommen, um Vater und Sohn zusammen in ihrem ersten und einzigen gemeinsamen Tour-Termin in Deutschland zu erleben. Davor waren die beiden schon in Luxemburg zu sehen. Die letzte Chance beide gemeinsam in diesem Jahr zu erleben ist am 29.4.17 in der Schweiz.

Arien nutzt statt einer Gerte einen Babusstab und reitet einhändig

Die Veranstaltung startete mit einem „Theorie“-Teil über das Erkennen, Diagnostizieren und Lösen von Problemen, der – für die Größe der Veranstaltung ungewöhnlich – die Teilnehmer stark mit einbezog.
Danach stellte Alfonso und Arien die Arbeit mit drei Pferden vor und zeigten an diesen Praxisbeispielen, wie sie in ihrer Arbeit vorgehen. Dabei ging es hier ganz stark darum unterschiedliche Ansätze zu zeigen und Vorschläge des Publikums einzubeziehen
Zum Schluss demonstrierten beide noch die Arbeit mit ihren Pferden.

 

Unsere Angst vor Problemen – und warum wir nach Problemen suchen sollen

Alfonso und Arien hatten sich das Thema „Probleme erkennen und lösen“, weil sie zeigen wollten, dass das korrekte Erkennen und Diagnostizieren eines Problems und seiner Ursachen, der beste Weg zur Lösung und Anpassung des Trainings ist. Viele Pferdebesitzer gehen mit ihrem „Problem“ dann zu einem Pferdetrainer, um von ihm eine Lösung zu bekommen, statt selbst ihre Problemelösungsfähigkeit zu schulen und zu verbessern.

Genauso war diese Veranstaltung ein Appell daran „Probleme“ nicht als negativ zu sehen, sondern als Chance jemanden besser kennen zu lernen. In dem Sinne begeben sich Arien und Alfonso immer auf die Suche nach Problemen, wenn sie ein Pferd/Mensch-Paar kennen lernen, um sie besser kennen zu lernen und die passende Lösung zu finden.

Im Umgang mit Pferden gibt es dabei Probleme, die wir ignorieren sollten und Probleme, die wir lösen wollen.
Das Problem zu verstehen und die Ursache dahinter kennen zu lernen, ist immer der erste Schritt.

Die 4 Problem-Gruppen

  • Training
  • Beziehung
  • Gesundheitlich
  • natürliches Verhalten

Egal ob Trainingsprobleme, Vertrauensprobleme, gesundheitliche Probleme, unpassendes Equipment oder Haltungsprobleme – sie alle lassen sich in die o.g. vier Gruppen einordnen.
In den Diskussionen zeigte sich, dass natürlich in Praxis meistens eine Kombination oder gar Kette an Problemen zu sehen ist, bei denen Ursache und Wirkung häufig nur schwer zu identifizieren ist.
Auch die Probleme, die ursächlich rein auf das natürliche Verhalten zurückzuführen sind, konnten schwer identifiziert werden. Ein Beispiel dafür waren die Verhaltensweisen eines Jungpferdes, bei dem man den Charakter noch prägen kann (Charakter als der veränderbare Teil, der 80% ausmacht), wohingegen das Temperament der angeborene Teil ist, der ca 20% ausmacht und nicht veränderbar ist. Trotzdem ist es sehr wichtig, die Ursachen eindeutig zu finden, denn nur dann kann man den richtigen Lösungsweg finden, statt nur Symptome zu bearbeiten.

Die Angst vor dem Verlust der Liebe

Probleme entstehen oder vergrößern sich häufig aus der Angst des Menschen heraus etwas falsch zu machen oder aus Angst die „Liebe“ des Pferdes zu verlieren. Dies führt dann zu inkonsequenten und schwammigen Reaktionen, unklaren Grenzen und verschlimmert die Situation am Ende.

Alfonso erzählte eine Anekdote von einem Training, bei der er bei einem Pferd in einer kritischen Situation härter durchgriff und das Pferd daraufhin erst wegging und dann danach wieder kam und an seiner Hand leckte. Die Besitzerin, hinter ihm stehend, hatte danach Tränen in den Augen. Er dachte schon das Pferd hätte sie bei der Aktion eventuell getroffen und verletzt. Aber sie sagte dann, nein, sie sei nur so erstaunt und gerührt, dass ihr Pferd ihn trotzdem noch liebt, obwohl er es weggeschickt hatte.

Menschen haben viel zu häufig Angst vor dem Verlust der Liebe – aber es ist ein Fehler Pferde zu vermenschlichen. Pferde sind nicht nachtragend und können mit klaren Regeln besser umgehen als mit schwammigem, inkonsequenten Verhalten. Und die Angst durch sein Verhalten bei den „Pferdeprofis an der Bande“ ins Gerede zu kommen, muss man als Reiter ablegen  – andere wissen es sowieso immer besser und können doch nicht mehr 😉

Die mentale Stärke: Ich verliere nicht, entweder ich gewinne oder ich lerne!

Pferde kennen Menschen meistens besser als umgekehrt. Die eigene Einstellung zu Problemen und dem Umgang mit Problemen ist häufig schon der erste Schritt zur Lösung. Alles, was die mentale Stärke und eigene Sicherheit steigert, hilft im Umgang mit dem Pferd. Das können auch Rituale oder wie bei Alfonso sein Hut sein, der für ihn zum Training dazu gehört 😉

Ruhe und Gelassenheit, Konsequenz und Genauigkeit konnte man danach auch in den Demonstrationen mit den drei Beispielpferden sehen.

Das Pferd, das Angst vor Enge hat

Das erste Pferd hatte Angst vor Enge. Alfonso zeigte mit viel Ruhe und Gelassenheit wie er mit experimentieren und unter Nutzung der Neugierde des Pferdes die Situation löste. Am langen Strick gab er dem Pferd erst mal die Chance sich zu orientieren, seiner Neugierde zu folgen und seinen Weg zu finden. Als sich das Pferd den eng stehenden Tonnen näherte, machte er nach einer Weile etwas mehr Druck von hinten alleine durch seine Körpersprache. Das Pferd zögerte einen Moment und hüpfte dann hindurch. Beim ersten mal noch zögerlich und dann immer sicherer. Selbst die quer von links und rechts reinragenden „Schwimmnudeln“ waren plötzlich kein Problem mehr.

Eine der wichtigen Fragen, die Alfonso sich vor der Lösung des Problems stellte, war, was für ein Typ Pferd er vor sich hat und was die Ursache des Problems sein könnte. Je nach Analyse experimentiert er dann mit unterschiedlichen Ansätzen, denn in der einen Situation ist eine Lösung über die Neugierde und Druck sinnvoll in der anderen Situation muss z.B. erst an Vertrauen und Abbau von Angst gearbeitet werden.

Das Pferd, das keine Wurmkur wollte

Der nächste Kandidat wollte keine Spritzen im Maul haben. Wer das Problem kennt, kann gut nachvollziehen, dass das sich zu einem großen Problem aufschaukeln kann, z.B. gerade in Krankheitssituationen.

Arien und Alfonso zeigten hier sehr interessant zwei ganz unterschiedliche Ansätze. Während Arien eine Spritze mit Apfelmus als Target nutzte und jedes Berühren des Pferdes zum Target belohnte, zeigte Alfonso danach einen anderen Weg, der für den Charakter des Pferdes auch passend erschien. Er hielt dabei seine Hand seitlich ins Pferdemaul und blieb daran, auch wenn sich das Pferd zuerst heftig wehrte und entfernte die Hand erst dann und belohnte sozusagen mit Entfernen des Drucks, wenn das Pferd still hielt. Diese Methode führte bei diesem Pferd sehr viel schneller zum Erfolg. Kurz danach akzeptierte das Pferd dann auch die Spritze im Maul – und das nicht nur bei Alfonso, sondern auch bei seiner Besitzerin. Alfonso gab der Besitzerin noch Tipps, wie sie vor und nach Gabe der Wurmkuren das Pferd vorbereiten sollte. Interessant fand ich dabei, dass er empfahl die Übungen zur Vorbereitung und auch die Gabe der Wurmkuren nicht in der Box zu machen, da es aufgrund der Enge dort eher zu gefährlichen Situationen kommen kann, als z.B. in der Halle.

Das Pferd, das in der Halle nicht angaloppiert

Über Biegung und Seitengänge zum Angaloppieren

Als letztes wurde ein Pferd gezeigt, dass zwar im Gelände normal galoppiert, aber in der Halle nicht angaloppieren wollte. Bereits beim Longieren war zu sehen, dass das Pferd ein Laufen auf der Kreislinie nicht „gelernt“ hat: die natürliche Außenstellung und Schräglage war deutlich zu sehen. Weswegen auch hier schon eine Zuschauerin meinte, dass das Pferd Angst hat die Balance zu verlieren und deswegen bei der Galopphilfe nur schneller wird aber nicht angaloppiert. Arien bekam dann den Job das Pferd zu reiten und das Problem genauer zu analysieren und einen Lösungsvorschlag zu finden. Schnell sah man den von der Besitzerin beschriebenen Effekt: Das Pferd wurde schneller, hektischer und rannte unterm Hintern weg. Arien schlug vor aus Seitengängen heraus anzugaloppieren – ein Mittel um beim Pferd die Schulter frei zu kriegen und ihm dadurch zu helfen die richtige Balance zu finden. Auf einer Hand funktionierte das dann auch ein paarmal ganz gut. Schön zu sehen war, dass Arien hier nach ein paar Erfolgen aber auch wieder ein paar nicht geklappten Versuchen dann nach einer schönen Runde auch aufhören wollte und dem Pferd den Erfolg und die Pause geben wollte. Hätte er nach den guten Versuchen auf der einen Hand danach auf der schwierigeren Hand weiter geübt, wäre das Risiko groß gewesen, dass das Pferd dann überfordert gewesen wäre und es zu lange gedauert hätte einen positiven Abschluss zu finden.

Die Demo von Alfonso und Arien Aguilar

Zum Abschluss zeigte Alfonso und Arien Aguilar noch eine kleine Demonstration mit dem Hengst von Arien , Alegre, und einem „geliehenen“ und weit ausgebildeten Pferd, auf dem Alfonso geritten ist. Arien startete mit Bodenarbeit und ritt danach mit Bosal und ohne Sattel. Alfonso zeigte im Sattel die Arbeit mit vielen Seitengängen. Beide ritten dann auch noch gemeinsam mit der Garrocha.

Den letzten Kurs dieser Tour gibt es am 29.4.17 in der Schweiz … hier.

 

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Weitere Kurse von Arien und Alfonso Aguilar findest du auf PferdeTermine.de und hier in der Übersicht:

- keine Veranstaltungen -

- keine Veranstaltungen -


Über Kathrin

Weil ich erst spät zum Reiten gekommen bin, habe ich viele Seminare und Schulungen zum Thema Pferd besucht. Leider habe ich viele interessante Veranstaltungen erst gar nicht oder zu spät entdeckt oder sie waren zu weit entfernt. Häufig ist der Ort bei den Veranstaltungsübersichten im Internet gar nicht auf den ersten Blick ersichtlich. So entstand der Wunsch nach einer umfassenden, übersichtlichen Darstellung von Veranstaltungen rund um die Ausbildung des Pferdes und Reiters.
Mit meinem Hintergrund aus IT und e-commerce war es naheliegend etwas Passendes aufzubauen. Ich hoffe, ich bringe damit zufriedene Teilnehmer zu den passenden Veranstaltungen.

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