Kurs Arien Aguilar Balanced Horseman

Kursbericht Arien Aguilar: „Finde deinen eigenen Stil“ 2


Am 10. Juni 2016 war ich das erste Mal auf einem Kurs von Arien Aguilar („Ein Wochenende mit Arien Aguilar – Balanced Horseman“ auf dem Deegen Hoff in Toppenstedt, Niedersachsen). Am Vorabend der Veranstaltung, die über das ganze Wochenende ging, hat Arien mit 3 Teilnehmerpferden gearbeitet und zusätzlich noch seinen gerade neu erworbenen 13-jährigen Hengst „Alegre“ aus Portugal vorgestellt.

Natürlich habe ich vorher schon einiges über Arien Aguilar gelesen und gehört. Interessant fand ich insbesondere das Video vom Bewegungsstall Denkendorf, in dem Arien seine Arbeitsweise erklärte. Besonders beeindruckt hat mich dabei seine breite, reitweisen-übergreifende Ausbildung und die Einstellung seines Vaters ihn sowohl zu guten als auch zu „schlechten“ Reitlehrern zu schicken und ihn selbst den Unterschied beurteilen zu lassen.

Am Anfang war das Wort – die Theorie

Theorie Arien Aguilar

Arien Aguilar erklärt den Teilnehmern wie sie ihren eigenen Stil finden können

Arien hat an diesem Abend zu Beginn etwas theoretische Grundlagen gelegt rund um das Thema des Lernverhaltens und der Frage wie man die passendste Trainingsmethode für sich und sein Pferd findet. Die Frage nach der Art und Weise wie man sein Pferd am besten trainiert ist die Frage nach dem passenden Stil. Dabei kommt der Kommunikation eine entscheidende Rolle zu. Welche „Sprache“ nutze ich, um mich meinem Pferd verständlich zu machen und wie erreiche ich mein Ziel am besten? Der Stil sollte darauf abgestimmt sein, wie das Temperament und der Charakter des Pferdes und des Menschen sind. Das Temperament beschreibt Persönlichkeitstypen, also eher konstante, angeborene Verhaltensmuster. Der Charakter wird mit der Zeit gebildet und ist veränderbar durch Training.

Arien hat vier verschiedene Lerntheorien benannt:

  • Klassische Konditionierung (Erlernen von bedingten Reflexen, s.Pavlov’sche Konditionierung: Hund sieht Futter -> Speichelfluss; Hund sieht Futter+Glockenton-> Speichelfluss; Hund hört Glockenton -> Speichelfluss)
  • Operante Konditionierung (Konsequenzen bestimmen das Verhalten: positive Verstärkung (z.B. Futterlob)+negative Strafe oder negative Verstärkung (z.B. Druck)+positive Strafe)
  • Modelllernen (sozialkognitive Lerntheorie: Lernen erfolgt dabei durch Beobachtung und Nachahmung (Imitation) des Verhaltens einer anderen Person (eines „Modells“))
  • Habituierung (Gewöhnung oder auch erlernte Verhaltensunterdrückung genannt)

Arien plädiert dafür je nach Temperament und Charakter des Pferde-Menschen-Paares unterschiedliche Lerntheorien zu wählen und zu kombinieren. Bei einem sensiblen Temperament z.B. die soziale Modellierung – die Nachahmung – und bei einem aggressiven Temperament des Pferdes mehr über negative Verstärkung (Druck) zu arbeiten.

Für alle, denen diese Begrifflichkeit neu sind: „negativ“ ist hierbei keine wertende Aussage, sondern besagt nur, dass etwas im „mathematischen“ Sinne weggenommen wird, wenn das Tier (Pferd) etwas richtig gemacht hat, nämlich der Druck. Im Gegensatz dazu ist die positive Verstärkung das Hinzufügen von etwas (Leckerli), wenn das Tier etwas richtig gemacht hat – ohne mit Druck zu arbeiten! (Nicht zu verwechseln mit der Gabe von Leckerlis nach der Arbeit mit Druck – das ist negative Verstärkung plus Leckerli!).

Arien erklärte, wieso er den korrekten Einsatz von Druck beim Pferd für wichtig hält. Seiner Meinung nach kann korrekt genutzter und positiv motivierter Druck Vertrauen und eine Beziehung aufbauen. Ähnlich wie ein Kind manchmal erst durch Druck dazu gebracht wird zu lernen, dann aber durch das Ergebnis (z.B. gute Noten) die Sinnhaftigkeit erkennt und die Klarheit und diesen „Nachdruck“ schätzt und dies zu einer tieferen Beziehung zu den Eltern führt, die darüber die Regeln und den Rahmen definieren. Dabei ist wichtig, dass falsch motivierter Druck oder unfairer oder zu starker Druck das Gegenteil bewirken kann – sowohl beim Kind als auch beim Pferd 😉 !

Es erfordert also immer ein genaues Beobachten und schnelles, faires und für das Pferd nachvollziehbares Handeln (dabei scheitern viele Pferdemenschen und werden zu voreilig zu hart oder loben an der falschen Stelle und erreichen damit das Gegenteil). Das ist in meinen Augen der kleine aber sehr wichtige Unterschied zwischen den „Profis“ und dem, was man im Alltag im Stall sieht und wie es mir oft selbst geht: Ein Profi hat eine Lernstufe erreicht, in der er nicht mehr nachdenken muss, sondern schon „intuitiv“ handelt und damit die Schnelligkeit und Genauigkeit erreicht, von der der einfache Reitschüler meist noch weit entfernt ist. Aber dadurch darf man sich nicht entmutigen, sondern nur ermutigen lassen mehr zu üben!

Finde deinen eigenen Stil

Ariens Credo ist, dass es nicht die „eine“ richtige Trainingsmethode für Pferde-Menschenpaare geben kann, da jedes Pferd und jeder Mensch verschieden sind und man sich daher das für sich und sein Pferd passende heraussuchen muss. Das eine Pferd beruhigt sich bei Bewegung, das andere nur, wenn es stehen und gucken kann. Ein Pferdemensch ist unsicher und ängstlich, der andere forsch und dominant. Genauso bei Pferden anzutreffen. Für das eine Pferd ist die Pause die richtige Belohnung. An anderer Stelle zeigt ein Pferd gerne eine bestimmte Lektion oder empfindet den Galopp als Belohnung. Ein Pferd kann wunderbar über Nachahmung lernen, ein anderes braucht mehr operante Konditionierung. Deswegen hat Arien uns aufgefordert uns unseren eigenen, für uns und unser Pferd passenden Stil zu finden und dafür zu reflektieren, was für „Typen“ wir und unsere Pferde sind und wie wir am besten lernen!

Der Lusitano

Als erstes wurde Arien ein 6-jähriger Lusitano-Wallach vorgestellt, der vom Deegen Hoff kam und daher zumindest mit der Umgebung vertraut war. Er beherrschte das freie Zirkeln, zeigte begeistert seinen spanischen Schritt und war sehr sensibel und schnell im Verstehen.

 

Arien schlug zwei neue Übungen für ihn vor:

  1. Zum einen das Seitwärts gehen auf den Pferdemenschen zu,
  2. zum anderen das „einfrieren“, d.h. das Abstellen des Pferdes an einer Stelle, unabhängig davon was der Pferdemensch dann macht, soll das Pferd ruhig stehen bleiben und erst wieder auf Kommando kommen.

Für das Seitwärts gehen auf die Person zu, tippt/zeigt man dem Pferd mit der Gerte an/auf die äußere Kruppe bis das Pferd das erste mal das Hinterbein zu einem hin kreuzt. Obwohl die ersten Versuche in der Mitte der Halle gemacht wurden (einfacher ist es die Übung an der Bande zu starten, dann ist zumindest eine Ausweichmöglichkeit genommen ;-)), begriff der Lusitano erstaunlich schnell, was gefragt war. Gut konnte man auch den Unterschied erkennen, wenn Arien die Übung ausführte, der mit seiner Körperhaltung dem Pferd mehr Führung bzw. Freiraum an der Schulter für das Kreuzen der Vorderbeine ließ und damit einen Fluß im Seitwärts gehen erreichte. Die Besitzerin blockierte mit ihrer Stellung die Vorderhand stärker, was dann zu einem Drehen der Hinterhand führte. Aber auch da gab Arien die richtigen Tipps zur Verbesserung.

Das „Einfrieren“ und anschließende „Auftauen“ (oder auch „ausfrieren“ 😉 ), ist eine schöne Übung, um Ruhe und das Stehen zu trainieren. Das Pferd wird mit einem Kommando verbunden „abgestellt“ und soll seine Beine nicht mehr bewegen, d.h. wirklich still stehen. Jeder kleine Schritt wird dabei zur Ausgangsposition korrigiert. Auch da war es mal wieder faszinierend zu sehen, wie schnell und sauber ein Profi wie Arien reagiert und korrigiert und wie schnell ein Pferd dann verstehen kann. Der Lusitano jedenfalls, der diese Übung vorher noch nicht kannte, stand mehrfach richtig klasse.

Der Riese

Dieses Pferd war wirklich sehr groß – und nicht minder verunsichert in der fremden Umgebung. Die Besitzerin war schon einmal bei einem Seminar mit Arien Aguilar. Ihr Thema, an dem Sie mit Arien arbeiten wollte, war die Halfterführigkeit ihres Pferdes. Der Riese hat sie wohl schon das ein oder andere Mal umgerannt und sich nicht mehr führen lassen. Schon beim Reinführen merkte man Pferd und Besitzerin an, dass die Situation in fremder Umgebung und mit den vielen Menschen Stress verursachte.

Arien entschied sich schnell dazu das Pferd erstmal frei zu arbeiten. Auf dem Video sieht man, wie er die Situation mit dem Pferd klärt, indem er das Pferd bewegt und bei dem kleinsten Schritt des Pferdes in seine Richtung sofort zurück geht, den Druck damit völlig weg nimmt und das Pferd „einlädt“ zu ihm zu kommen.

Bei dem „Riesen“ war diese Klarheit der Körpersprache sehr wichtig und gut zu erkennen. Arien führte das Pferd z.B. mehr auf Schulterhöhe und damit „neben“ sich. Die Besitzerin ging immer mehr vor ihrem Pferd – bzw. das Pferd blieb hinter ihr -, was dann in Fluchtsituationen sehr leicht gefährlich werden kann. Arien empfahl ihr daher, die Führposition zu ändern.

Ein zweiter wesentlicher Punkt beim Führen war die Länge des Stricks und wieviel Seil man dem Pferd gibt. Häufig sieht man, dass je ängstlicher ein Pferdeführer ist oder je aufgeregter das Pferd, umso enger wird das Pferd geführt, d.h. der Strick wird ganz kurz unter dem Halfter gefasst. Arien machte mit seiner anschaulichen Art deutlich, dass er genau das Gegenteil empfiehlt: Je aufgeregter das Pferd, je „gefährlicher“ die Situation, umso LÄNGER sollte der Strick zwischen Halfter und Führhand „baumeln“:

  1. Das Pferd hat dann keine Möglichkeit sich abzustützen oder permanent gegenzuziehen.
  2. Man hat mehr Zeit zum Reagieren. Statt 1 Sek. hat man dann vielleicht 3 Sekunden, um noch etwas zu machen, wenn das Pferd flieht. Bei 1 Sekunde Reaktionszeit wird man gleich hinterhergeschliffen, bei 3 Sekunden kann man noch mit dem Strick reagieren oder auch die Hand öffnen!
  3. Dadurch verbrennt man sich die Hand nicht so schnell 😉
  4. Durch wellenförmiges Bewegen des Seils – je nach Situation in unterschiedlicher Intensität und unterschiedlicher Richtung – kann ich die Aufmerksamkeit des Pferdes gewinnen und es wieder auf mich fokussieren.

Mit dem nach der Klärung in der Freiarbeit viel ruhigeren, dann „sanften Riesen“, machte Arien noch eine Übung, bei der das Pferd ihn Spiegeln sollte und jeweils nur ein Bein vor- und zurücksetzen sollte. In der kurzen Zeit klappte das ein paar mal ganz gut, aber man merkte, wann das Pferd mit seiner Konzentration bei Arien war und wann es dann doch mal wieder abgelenkt war.

Gut fand ich, dass Arien mit Pferd und Besitzerin auch das Führen auf dem Hof zwischendurch übte, und damit vermutlich mehr die alltägliche Problematik widerspiegelte als mit der Möglichkeit der Klärung über Freiarbeit.

 

Die Harley Davidson

Das dritte Teilnehmerpferd war eine 5-jährige Quarter-Horse Stute, die auch in der fremden Umgebung sehr aufgeregt war. Wunsch der Besitzerin war es dann auch, mehr Ruhe in das Pferd – auch in solchen Situationen – zu bekommen.

Arien empfahl dafür ein Schulterherein, dass die Herzfrequenz bei Pferden beruhigen soll und zeigte wie man das am besten am Boden umsetzt. Dazu ging er, wie auf den Bildern und im Video zu sehen, auf kleinem Kreis rückwärts mit Blick zum Pferd. Wichtig ist, dass das Pferd korrekt gebogen ist und sich bei der Biegung nicht verwirft und man selbst den Fluß des Pferdes nicht blockiert – es aber auch nicht schludrig davoneilen läßt. Mit dem Knotenhalfter finde ich persönlich das ja gar nicht so leicht die richtige Stellung und Biegung zu erarbeiten und hätte da lieber zum Kappzaum gegriffen. Aber Arien ist mit dem Knotenhalfter natürlich sehr geübt.

Wie hektisch das Pferd werden konnte, sah man gut, als es von der Besitzerin und auch bei Arien longiert wurde. Statt zu galoppieren, wurde der Trab nur schneller und das Pferd hatte eine Schräglage, dass Arien scherzhaft meinte, dass sie eine „Harley Davidson“ wäre – wie recht er hatte 😉

Ein zweiter Vorschlag zur Beruhigung des Pferdes kam aus dem Publikum. Es spricht für die Einstellung und Arbeitsweise von Arien, dass er solche Vorschläge aufgreift und ausprobiert. Ich kenne nur wenige Trainer, die das so souverän und neugierig zugleich machen!

Dazu wurden 4-5 Hütchen benötigt, die in Reihe aufgestellt wurden. Das Pferd wurde am Seil im Schritt um das erste Hütchen longiert, dann wurde der Kreis vergrößert und es wurde um das zweite geschickt (der Mensch kann dabei beim ersten Hütchen stehen bleiben oder mitgehen, um den Kreis zu vergrößern). Schließlich wurde der Kreis so groß gemacht, dass man um das 3. Hütchen kam usw. Am Ende der Reihe angekommen ging es dann im Slalom zurück.

Auch dadurch wurde das Pferd ruhiger – eigentlich logisch, da es sich ja auch bei ruhiger Bewegung konzentrieren musste.

Die „Harley Davidson“ wurde so gesehen bewußt erstmal zur „langsamen Ente“ 😉

Der Neue

Das letzte Pferd, dass an diesem Abend präsentiert wurde, war der „neue“ Hengst von Arien, den er erst vor zwei Wochen in Portugal gekauft hatte und der gerade erst in Deutschland angekommen war. Arien hat ihn auf den Namen „Alegre“ getauft. Es ist ein sehr hübscher, 13-jähriger Hengst aus einer Pferdezucht für Stierkämpfer in Portugal.

Im Video erzählt Arien auch etwas zum Hintergrund des Pferdes. Spannend fand ich, dass Arien das Pferd erst einmal vorher geritten ist: beim Kauf in Portugal – und dann hier vor Publikum das erste mal mit ihm arbeitet und die Zuschauer quasi an der Arbeit der ersten Stunden teilhaben läßt. Anders als in Portugal, reitet Arien das Pferd jetzt mit Bosal bzw. Bosalito statt mit Trense. Dass der – eigentlich wohl ruhige Hengst – doch sehr aufdrehen kann, sieht man am Anfang des Videos: Da muss er nach den langen Fahr- und Stehzeiten erst mal Dampf ablassen.

Leider war ich ja nur den ersten Abend da und habe daher die Entwicklung auf den zwei Folgetagen nicht beobachten können. Arien erzählte mir in einem Telefonat, dass der Hengst schon am zweiten Tag viel besser ging. Ich wünsche den beiden ein gutes Zusammenwachsen!

Hier findet ihr alle Veranstaltungen von Arien Aguilar :

- keine Veranstaltungen -

 


Über Kathrin

Weil ich erst spät zum Reiten gekommen bin, habe ich viele Seminare und Schulungen zum Thema Pferd besucht. Leider habe ich viele interessante Veranstaltungen erst gar nicht oder zu spät entdeckt oder sie waren zu weit entfernt. Häufig ist der Ort bei den Veranstaltungsübersichten im Internet gar nicht auf den ersten Blick ersichtlich. So entstand der Wunsch nach einer umfassenden, übersichtlichen Darstellung von Veranstaltungen rund um die Ausbildung des Pferdes und Reiters.
Mit meinem Hintergrund aus IT und e-commerce war es naheliegend etwas Passendes aufzubauen. Ich hoffe, ich bringe damit zufriedene Teilnehmer zu den passenden Veranstaltungen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

2 Gedanken zu “Kursbericht Arien Aguilar: „Finde deinen eigenen Stil“